Dienstag, 21. Februar 2012

Unsere kleine Nano-Farm - unser 1. CPO Cambarellus patzcuarensis var. Orange und seine Mitbewohner

Katzenkino
Weil die Aquarienecke in unserem XXL Zoogeschäft einen unaufgeräumten und schmuddeligen Eindruck machte, sind wir zur Abwechslung in den großen Gartenmarkt mit Zoo-Abteilung in der Nachbarstadt gefahren. Man musste es ja nicht übertreiben mit den Bazillen! Bei der Konkurrenz hatten sie tatsächlich eine ansprechend sauber wirkende Zoo-Abteilung mit vielen interessanten Wassertieren. Dafür hatte die Verkäuferin noch weniger Ahnung als ich. Das muss man sich mal vorstellen!  
Bis zu diesem Moment wollten wir eigentlich Garnelen als Untermieter beherbergen, sobald das Becken mal zwei Wochen „eingefahren“ war. Wir wollten im Übrigen ja „nur mal schauen“.
Dann haben wir „ihn“ gesehen - und er uns. „Sir Oblong Fitz Oblong“, einen Cambarellus patzcuarensis sp. orange, kurz CPO, einen Orangen Zwergflusskrebs. Oblong gefiel mir besser. CPO hat mich an einen Roboter erinnert und den wissenschaftlichen Namen hatte ich eh sofort wieder vergessen.
Es war Liebe auf den ersten Stielaugenblick. Was für eine Erscheinung! Er hatte schöne große Scheren, die er bedrohlich öffnen und schließen konnte.
 
Es war ein 4 Zentimeter kleiner „Er“, das wussten wir anfangs nicht, wir nannten ihn aber trotzdem „Sir Oblong“. Er würde Garnelen als Zwischenmahlzeit verputzen, auch das wussten wir nicht. Ich konnte ihn ohne Lesebrille beobachten und er erinnerte mich an den armen Hummer aus meiner Kindheit, das zählte.
Ich sagte der Verkäuferin, dass wir in zwei Wochen wiederkommen um den zu kaufen, da unser Becken erst seit einer Woche eingefahren wird. Sie erwiderte, eine Woche reiche „locker“ aus und bis in einer Woche wäre er ganz sicher längst verkauft. Das wollten wir hören und nahmen Oblong spontan in einer kleinen Tüte mit viel Wasser mit nach Hause bevor uns den Schönling noch jemand wegschnappte.
Daheim haben wir die Tüte ins Becken gehängt, um ihn an die Temperatur zu gewöhnen (gut), danach schluckweise Wasser aus dem Becken in die Tüte gegeben zur Eingewöhnung (gut) und dann die Brühe mit Einlage ins Nano gekippt (gar nicht gut).
Wir hatten wirklich keine Ahnung was wir da tun, waren aber mit Herzblut bei der Sache!
Sir Oblong hat das Becken nebst Inventar sofort vereinnahmt und umgestaltet. Er hat Mooskugeln aus dem Weg gerollt und Schnecken, die ihn gestört haben, einfach weggetragen. Wir haben ihn mit Futtertabletten verwöhnt, er hat sich dafür mit Scheinangriffen revanchiert. Sobald man sich dem Becken näherte, kam er an die Scheibe, hat uns fixiert und bedrohlich die Scheren gehoben. 

So klein und schon so frech! Jetzt war Action angesagt im Nano-Becken!
Fasziniert saßen wir stundenlang davor und schauten Sir Oblong zu, wie er Patrouille lief. Wir hatten noch ein paar Orange Track Schnecken erworben, damit sie die Scheiben sauber halten und wir was zum Schauen haben. Bevor ich jetzt weiter von unseren ersten feuchten Schritten berichte, stelle ich ein paar unserer Untermieter und Mitesser der ersten Nano-Tage in Text und Bild vor.
Die Kleine Posthornschnecke, Gattung Planorbella duryi duryi

Wir haben gleich mal 20 Stück davon in den Cube gesetzt. Diese Spezies stammt ursprünglich aus Amerika, bleibt klein (Gehäuse ca. 2 Zentimeter) und zeigt sich in wunderschönen Farbvariationen von rötlich- bis dunkelbraun, manche sogar goldfarben. Sie sind zwittrig, das bedeutet, selbst wenn man nur eine besitzt könnte es Nachwuchs geben. Ich finde sie wunderschön, auch weil sie Hämoglobin besitzen, welches sie sehr schön rot leuchten lässt und weshalb sie auch atmosphärische Luft atmen können. Also nicht wundern (so wie wir), wenn eine gelegentlich über dem Wasserspiegel unterwegs ist und ein bisschen frische Luft schnappt. Sie sind sehr genügsam und fressen alles, was im Nano an- und abfällt. 
Aufpassen muss man bei gierigen Fischen, da die Schnecken ihre Fühler nicht einziehen können und diese „Angelschnur“ die Fischlein anlocken kann. Sie sind auch eine Delikatesse für fleischfressende Schnecken, weil sie keinen Deckel am Gehäuse haben, den sie bei Rückzug schließen könnten. Auch ein Krebs gönnt sich hin und wieder einen Schnecken-Snack. Da die Schnecken sich aber gut vermehren, werden immer mehr da sein, als gefressen werden. Werden sie zu viele und lästig, kann man die Raubschnecken-Armee aufstocken, falls man keine Krebse hat. Wenn man gar nichts macht, treiben sie einen irgendwann in den Wahnsinn. Sie vermehren sich schneller als Kaninchen.
Die „Rennschnecke“ Punktnapfschnecke oder „Orange Track“, Vittina semiconica

Auf dem Foto mit einem Räuber als blinden Passagier, der ihr aber nicht gefährlich werden kann, denn sie ist eine Deckel-Schnecke. Wird sie attackiert, zieht sie sich in ihr Wohnmobil zurück und haut den Deckel zu. Davon hatten wir drei gekauft. Wir nennen sie liebevoll „Nano-Marienkäfer“, was die Experten gar nicht gern hören, weil immer viel verwechselt wird bei Beschreibungen und Nachfragen. Der Name bietet sich aber an, weil sie spiralförmige Punkte oder Striche auf dem gelb-orange bis braunen Häuschen trägt, was ihr wirklich gut steht. Sie ist getrenntgeschlechtlich, die Aufzucht aufwändig. Man könnte sich trotzdem ein paar Schnecken halten, weil sie eine Augenweide sind und fleißig Algen von glatten Flächen putzen, wenn sie nicht gerade Liebe machen und danach erstaunlich große, weiße Ei-Kokons legen. Diese sind schwierig zu entfernen, vor allem von Holz. Das verschweigen die Händler ganz gern. Das ist nicht immer lustig. Wenn ein schönes dunkelbraunes Moor-Holz aussieht wie ein Streuselkuchen kann einem der Spaß schon vergehen.
Man muss sie aufrecht ins Becken setzen, weil sie oft große Schwierigkeiten haben sich wieder umzudrehen, falls sie mal auf dem Dach gelandet sind. Unsere sind 2 Zentimeter groß, angeblich werden sie mehrere Jahre alt und vermehren sich im Aquarium nicht. Hat man keinen Deckel auf dem Cube, machen sie sich schon mal vom Acker.
Der CPO Cambarellus patzcuarensis sp. orange
Unser Top-Model! Der kleine dicke Ritter ist ein Mexikaner aus dem Lago de Pátzcuaro, der ihm auch den Namen gab. In seiner ursprünglichen Farbgebung ist er graubraun, erst die orange Züchtung weckte das Interesse vieler Aquarianer. Sein Vorderteil heißt exotisch Carapax, sein Hinterteil Pleon. Carapax klingt zwar vielversprechend nach Pax, also Frieden, tatsächlich ist der kleine orange Ritter die aggressivste Spezies, die ich bis heute im Nano-Cube kennen gelernt habe. Nähert man sich der Panorama-Scheibe, startet er Scheinangriffe. Doof ist er aber nicht, hält man einen Finger ins Becken ist er genauso hurtig wieder spurlos verschwunden. Er kann erstaunlich schnell rennen, hat er es besonders eilig, schlägt er ein paar Mal mit der Schwanzflosse und schießt durch den Rückstoß pfeilschnell im Rückwärtsgang durchs Becken. Deshalb braucht man sich nicht wundern, wenn er mal oben am Beckenrand sitzt und neugierig in die Gegend linst. Auch Schwimmpflanzen nutzt er gern als Aussichtsturm. Er kann auch sehr gut klettern, selbst ein dünnes Kabel oder ein Schlauch reicht ihm sich auf- oder abzuseilen. Aquarien ohne Deckel oder mit zu großen Spaltmaßen wird er früher oder später verlassen, um auf Wanderschaft zu gehen. Meine Katzen scheinen das zu wissen und haben immer ein Auge auf ihn.
Es gibt individuelle Unterschiede im Temperament, aber Raubritter sind sie alle.
Unser Oblong ist Allesfresser, mag Futtertabletten und Flockenfutter, schnabuliert aber auch gern mal eine rote Fliegenlarve (findet man als Lebendfutter in Zoofachgeschäften im Kühlschrank). Er akzeptiert auch gern Frostfutter für Krebse, ansonsten gelegentlich mal eine Schnecke. Man kann auch einfach ein Eckchen Fischfilet abschnippeln und ihm servieren. Oblong kommt sofort angaloppiert, wenn er das riecht. Das mag er lieber als das gekaufte Zeug. Man kann auch Bio-Gemüse-Stückchen geben, er ist nicht wählerisch, Hauptsache Abwechslung und immer mal ein bisschen Eiweiß. Wir geben ihm nicht nur gekauftes Futter, sonst kann es passieren, dass er zu schnell wächst. Das wollen wir nicht, wir haben Angst vor Häutungs-Problemen und halten ihn sprichwörtlich kurz. Er wird cirka 4 cm groß, Frau CPO übrigens einen Zentimeter länger, beide sind eine stattliche Erscheinung – im Vergleich zu den Garnelen. Hat man ein bisschen Erfahrung, kann man Jungs und Mädels ganz gut an dem bei Jungs auffälligem Geschlechtsorgan unterscheiden. Jungs sind deutlich aggressiver. Hat er keinen Konkurrenten, läuft der den ganzen Tag den Mädels hinterher und vergewaltigt sie, sobald sie nicht bei „Drei!“ auf den Mooskugeln sind.
Tja, so ist er halt, unser kleiner Raubritter.
Eine Paarung kann sich stundenlang hinziehen und ist aufregend für alle Beteiligten. Hat er seine Herzallerliebste erfolgreich begattet, trägt sie bald kleine runde Eier gut geschützt unter ihrem Pleon durch das Becken. Geht weiterhin alles gut, hat man demnächst viele kleine orange Krebslein im Cube.
Deshalb sollte man sich schon vorher gut überlegen, ob man Nachwuchs möchte und gegebenenfalls Abnehmer hat.

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