Mittwoch, 22. Februar 2012

Fitz, wie haste Dir verändert?

Eine Woche lang lief alles rund im Nano-Würfel. Besonders der kleine dicke Ritter lief immer rund, also immer an der Glaswand entlang und kontrollierte seine neue Wasserburg. Irgendwann machte er sich rar. Führte er was im Schilde? Er hatte auch einen seltsamen Ausdruck in den Augen, wirkte übernächtigt, war er etwa unzufrieden?
Wir schalteten die Beleuchtungszeit jeden Tag ein bisschen unterschiedlich. Vielleicht fand er das dämlich, wir wollen ja auch nicht jeden Tag einen anderen Sonnenaufgang, je nach Willkür des Operators. Also musste eine Zeitschaltuhr her. Eine 24-Stunden-Zeitschaltuhr, Markenware, kostet im allseits bekannten großen Online-Shop 5,50 Teuros. Ein Kunde monierte in der Rezension, im Baumarkt würde die Gleiche nur die Hälfte kosten. Als wir zufällig das nächste Mal in den Baumarkt kamen bestätigte sich das. Wirklich identisch, nicht nur die Gleiche, sondern eindeutig dieselbe, für die Hälfte.
Fitz tauchte trotzdem nicht auf. Dabei wurde „sein“ Becken täglich schöner.

Nur das Ambiente der Innenausstattung wollte nicht gefallen. Irgendwie wirkte es düster und kahl, dafür war die Krebs-Wohnung XXL. In die vorab schon bestellte Krebs-Crusta-Höhle in „Uni Size“ hätte ein kleiner Hummer reingepasst. Fitz würdigte den Dom keines Blickes, also kam das Ding gleich wieder raus. Die von einem Urlaub mitgebrachten Muscheln waren auch nicht wirklich Nano, haben aber hübsch ausgesehen auf dem dunklen Kies. Egal, wir waren bekennende Anfänger und hatten Freude am Werk. Noch.
Es war Mitte Januar geworden und draußen war scheußliches Wetter. Normalerweise bekamen wir spätestens jetzt den Winterblues, aber dieses Jahr nicht! Gerade in der dunklen Jahreszeit ist so ein kleines Aquarium ein Augenschmeichler, nie mehr würden wir darauf verzichten wollen! Sobald der Abend dämmerte, schaltete die neue Zeitschaltuhr ein und ich rief: „Oblong, komm raus, ich habe die Sonne eingeschaltet!“ Statt sich dankbar zu erweisen, linste er rüber und hob die Scheren.
Was waren wir glücklich über unser Abendlicht! Dann traf uns völlig unvorbereitet das Nano-Morgen-Grauen!
Wie jeden Morgen inspizierte ich zuerst „meine kleine heile Welt“ um mich zu erbauen für den tristen Arbeitstag. Huch, was war denn das, da vorne links? Oblong? Sir Oblong streckte alle, wie viele waren das noch mal?, egal, er streckte sie alle von sich! Er musste schon vor längerer Zeit von uns gegangen sein, er sah jämmerlich aus, als hätte man ihm die Luft rausgelassen. Schlaff und durchsichtig lag er auf einer Mooskugel und ließ sich sprichwörtlich hängen.

Mulle hörte mein Klagen und kam sofort, um mich zu trösten und mit mir zu trauern. Als wir gerade mit feuchten Augen deprimiert die Händchen hielten, marschierte plötzlich ein quicklebendiger und strahlend schöner Fitz an uns vorbei.
Er war sichtbar gewachsen und leuchtete in strahlendem Orange, wie ein Sannyasin. Ja wie? Hatte er sich verjüngt oder war er etwa konvertiert? Sannyasins tragen ja auch Orange, wandern heimatlos umher und leben bevorzugt in Höhlen. Sehr seltsam!
Mulle und ich checkten es plötzlich im Chor - der hatte sich gehäutet!  Unglaublich, häutet sich, ohne was zu sagen! Er war praktisch zwei Mal da, es war alles dran an der Haut wie an einer Rüstung, die man nach der Schlacht abgelegt hatte. Oder wie ein Ganzkörperkondom. Krass! Bei näherer Betrachtung war der Panzer auf der Oberseite aufgeklappt wie eine Flugzeug-Kanzel.
Da sich das Alter eines Krebses nach der Anzahl der Häutungen richtet, hatte Oblong Geburtstag, also gab es ein Leckerli, ein Stückchen Bio-Gemüse.
Deshalb hatte er sich also rar gemacht! Hätte ich an seiner Stelle auch so gemacht, er war ja praktisch nackig. Außerdem war er vorübergehend ungeschützt, denn nach dem Schlüpfen war der Ritter weich wie Butter, daher der Name „Butterkrebs“ für einen frisch gehäuteten Crusta-Nudisten. Der Panzer härtet mehr oder weniger schnell aus, bis dahin ist der Butterkrebs mit Vorsicht zu genießen. Dann wird erst gezwickt und dann geschaut, ob es Freund oder Feind ist. Oblong war noch aggressiver als sonst, trat aber auch noch schneller den Rückzug an.
Unser Krustentier erstrahlte in neuem Glanz, wirkte aber auch noch mächtiger und bedrohlicher. Wenn er in Zeitlupe hinter einer Bodenwelle auftauchte und langsam auf den Betrachter zu stelzte, das war echt gruslig.

Er erholte sich schnell von der Umrüstung. Auch alle anderen im Becken wirkten gesund und munter und wir fühlten uns wie Götter, die vom Olymp auf ihre Welt hinab schauen und gelegentlich zufrieden lächeln und seufzen, wenn sie sehen, wie sie sich mühen und plagen, die lieben Kleinen.
Apropos, die Schnecken machten immer seltener ihren Reinigungsdienst an den Scheiben, denn sie waren auf den Geschmack gekommen. Jedes Mal, wenn Krebs-Fütterung war, machten sich die Schleimer darüber her. Wie frech! Wenn es Fitz zu bunt wurde trug er die gierigen Bauchfüßer einfach weg.
Wegen der faulen Schnecken beschloss ich einen Bio-Angriff, aber der ging nach hinten los.
Wie so oft in den ersten Nano-Tagen bin ich nach der Arbeit in irgendeinem Zoo-Markt gelandet. Da ich aber keine Chemie anwenden wollte und auch keine Ambitionen hatte die kleinen Nano-Rucksack-Touristen selbst abzumurksen, holte ich mir eine weitere Turmdeckel-Raubschnecke.
Die Raubschnecke machte vielversprechend her. Sie fixierte alles mit ihrem „Sehrohr“, was sich bewegte - und machte einen fulminanten Fehler. Kaum hatte sie die Spur einer fetten Posthornschnecke aufgenommen und sich bis auf wenige Millimeter ran geschlichen, kreuzte Oblong ihren Weg. Weil sie ihm im Weg stand, schubste er sie einfach zur Seite. Wie sie da etwas irritiert auf dem Rücken lag wollte Oblong gerade über sie drüber steigen.
Killer-Schneck fuhr neugierig ihr Sehrohr Richtung Sir Oblongs Bauch aus und schon hielt er inne um zu prüfen, wer sich solche Respektlosigkeit anmaßt. Eine Schrecksekunde später attackierte er die Schnecke blitzschnell mit seinen Scheren. So eine Geschwindigkeit hatte ich dem gar nicht zugetraut! Danach schleifte er sie mit zu seiner Höhle.
Das Sehrohr war ja nicht wirklich ein Sehrohr, eher ein Riechrohr. Hat uns aber an ein U-Boot erinnert.
Am nächsten Morgen lag ein leeres Turmdeckel-Raubschnecken-Gehäuse vor seiner Höhle. Der Deckel hatte ihr auch nicht geholfen. Wir haben sie als Mahnmal für regelmäßige „Krebsvorsorge“ im Becken gelassen.
Das nächste Killerkommando bestand aus zwei Turmdeckel-Raubschnecken. So konnte die eine die andere sichern, wenn eine was im Visier hatte. Turmdeckel-„Bonnie und Clyde“ waren sehr viel motivierter und haben auf der Stelle je eine Posthornschnecke gekillt. Wir konnten beobachten wie sie mit dem weißen Rüssel voraus, mit den Fühlern den Untergrund abtastend, sich ihrer Beute näherten. Sobald ein Posthörnchen in Reichweite war hat sie das Opfer mit ihrem Körper fixiert und einen weiteren, diesmal rosa Rüssel, ausgefahren und ist damit mit rhythmisch stoßenden Bewegungen ins Schneckengehäuse der Beute eingedrungen. Das hat morbide ausgesehen! Hatte sie sich Zugang verschafft hat sie alles aufgefressen, bis auf die Eingeweide. Wir bekamen jedes Mal Gänsehaut, wenn ein Posthornschneckchen direkt vor unseren Augen ihr schleimiges junges Leben aushauchte. 
Gelegentlich hat eine Raubschnecke sogar eine Deckelschnecke erwischt. Unglaublich! Wir würden noch Schlimmeres erleben, Ihr werdet sehen.
Weil die Raubschnecken auch Aas und Futterreste verzehren sorgen sie für Hygiene im Becken wie die Geier bei den Landbewohnern. Und weil die Räuberbande mehrere Jahre alt werden kann, mit einer Größe von maximal 3 cm gut ins Nano-Becken passt und jede für sich ein richtiger Hingucker ist, gibt es eine dicke Empfehlung für Anentome helena, die Turmdeckelraubschnecke.

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