Montag, 20. Februar 2012

Es geht los!

Zwei Tage nach den Weihnachtsfeiertagen 2011 haben wir das Nano-Komplettset erwartungsvoll ausgepackt und erst einmal gestaunt. Der Glaswürfel wog leer schon beachtliche 10 Kilogramm, die Größe war 30x30x35 Zentimeter. Wow, von wegen Nano! 
Im Paket waren alle möglichen Säckchen und Päckchen mit Kleinkram. Huch, wozu brauchte man das alles? Ich wollte ein Aquarium, kein Puzzle! Leider war keine Anleitung für den Cube dabei, nur für das Equipment. Also ein Intelligenztest, Mist. Außen auf dem Karton war das fertige Nano abgebildet, deshalb orientierten wir uns an den Fotos. Wenigstens schien es, bis auf die Anleitung, komplett zu sein.
Zuerst wurde geputzt. Da es ja Mulles Geschenk war, hielt ich mich vornehm zurück und schlug vor, mich derweil schon mal um die Technik zu kümmern. Im Nachhinein hätte ich lieber geputzt. Während ich mich abmühte, siebte Mulle bereits das beigefügte Granulat für den Bodengrund über einem Waschbecken im Keller. Mulle machte ziemliche Sauerei, aber richtig sauber wollte das Granulat trotz aller Bemühungen nicht werden. Wir hatten echt keine Ahnung, was wir da tun!
Der Cube selbst wurde gründlich, aber vorsichtshalber ohne Chemie gereinigt, dann das gewässerte Granulat eingefüllt.
Mit der Technik hatte ich meine Schwierigkeiten. In der Anleitung fand ich statt hilfreicher Infos so überflüssige Kommentare wie „Benutzen sie die Aquarienfilter-Pumpe nicht für Swimming-Pools.“ Mache ich nicht, für wie doof hielten die uns eigentlich?
Statt zu beschreiben, wie herum das Düsenstrahlrohr am Filter befestigt werden muss, verwirrten sie mich mit Hinweisen auf Bakterien, die im Filter leben sollen. Bazillen? Wie eklig war das denn? Das habe ich Mulle vorsichtshalber verschwiegen.
Weil mir der Zusammenbau des Filters zu fummelig war, schob ich das Geduldsspiel zu Mulle rüber und schenkte meine Aufmerksamkeit der „Mini-Lampe“. Das sah einfach aus und ich verzichtete auf eine Anleitung. Die Lampe hatte ich in der Tat schnell betriebsbereit zusammengebaut und am Cube angeschraubt, das Montage-System zwar falsch herum, aber Mulle hatte es nicht bemerkt, ich konnte es ein paar Tage später heimlich korrigieren.
Ich begutachtete die beigelegten Döschen mit Garnelen-Futter und irgendeinem „Mineralien-Substrat“ - sehr seltsam alles! Der kleine Kescher war beim ersten vorsichtigen Test auseinander gefallen, ansonsten machte das Kit einen ordentlichen Eindruck.
Als nächstes sind wir in „unser“ XXL Zoogeschäft in die Großstadt gefahren und haben eine Garnelenröhre, irgendwelche Pflanzen mit exotischen Namen und eine Meerjungfrau gekauft.
Was gibt’s denn da zu kichern? Die Meerjungfrau hat mich an meine Backfisch-Jugend erinnert, na und?
Daheim habe ich gleich einen Eimer mit kaltem Wasser gefüllt und eine kleine Menge nach Vorschrift Wasseraufbereiter gegen Chlor und Kupfer dazu gegeben. Den Tipp hatte ich auch von Kerstin. Mulle hat sich einen Literkrug geschnappt und den Cube zu einem Drittel mit dem aufbereiteten Wasser gefüllt.

hier lacht Mulle noch, 60 Halbliter-Krüge später hatte sie keine so gute Aura mehr
Zuletzt haben wir unser Werk von allen Seiten bestaunt. Die Katze hat genauso kuhäugig geglotzt wie wir. Es hat beschissen ausgesehen! Als ob jemand Küchenkräuter in ein Moorbad geworfen hätte.
Was hatte ich meiner armen Mulle und mir angetan? Das war ja Stress pur!
Manchmal frage ich mich, was Mieze Miss Twiggy so denkt
Nach einer Stunde hatte sich das Moorbad etwas geklärt. Dafür war der Fango im Filter gelandet. Nachdem wir wieder den Durchblick hatten, gab es einen Schuss „Starter-Bakterien“ dazu, eine unspektakuläre klare Flüssigkeit, welche im Becken etwas flockig wurde. Das Deko-Holz schwamm frech oben und drehte sich in der Strömung der Filterdüsen, anstatt den Bodengrund zu dekorieren. Vom Zuschauen wurde mir schwindlig. Vorsichtshalber haben wir zwei Steine auf den Glasdeckel gelegt. Falls die Katzen auf dumme Gedanken kommen.
Die Meerjungfrau grinste zu mir rüber. Ich hatte jetzt eh den Kanal voll und verschob aus Gründen der Schadensbegrenzung jede weitere Aktivität auf den nächsten Tag.
In der darauffolgenden Nacht hatte ich einen Tsunami-Alptraum. Oh weh!
Reality TV
Einen Tag nachdem wir das Nano-Moorbad aufgebaut hatten, begutachteten wir unser Werk und waren angenehm überrascht. Die braune Soße hatte sich geklärt, die Schwebstoffe hatten sich abgesetzt. Das Becken leuchtete wie ein Smaragd, die Meerjungfrau hatte ein bezauberndes Lächeln aufgesetzt.
Wieder mutiger geworden bestellte ich bei einem Wassertier-Versender mit der vielversprechenden Werbung „Lebendankunft garantiert“ 20 Posthornschneckchen Planorbella duryi duryi und eine Turmdeckel-Raubschnecke Anentoma helena als Bio-Waffe, um die Population der Posthörner auf natürliche Weise etwas in Schach zu halten. Die Schnecken halten angeblich die Scheiben sauber, das war ganz in meinem Sinn! Dazu kamen ein paar Körbchen-Muscheln in den Warenkorb. Notfalls konnte man die sicher essen. 
Der Online-Auftritt des Versandhändlers war gewinnend, das Angebot riesig, die Preise moderat. „Zu schön, um wahr zu sein!“, dachte ich spontan, bestellte aber trotzdem. Später würde sich herausstellen, dass die ganz schön listig waren, haben nämlich nicht geschrieben, was da lebend ankommt. Ärgerlich: Viele Angebote wurden umfassend erklärt, andere schienen ganz ohne Informationen auszukommen. Schon kam ich mir ziemlich doof vor. So sollte es mir noch öfter gehen.
Ich bekam bald den Eindruck, Aquarianer wollen unter sich bleiben, so schwierig wie das blutigen Anfängern wie mir von Anfang an gemacht wurde. Das kannte ich von anderen Hobbys so nicht. Mein zweiter Eindruck von der Aquaristik war, dass das eine komplizierte und toternste Angelegenheit ist. Wurde man so, wenn man zu viel ins Becken starrte? Ich nahm mir vor, mir meinen Humor zu bewahren, komme was da wolle!
Das erste was kam, war ein schlechtes Gewissen. Als ich mir die bestellten Tierchen auf den Fotos noch einmal in Ruhe anschaute, wurde mir schmerzlich gewahr, dass die armen kleinen Lebewesen bei lebendigem Leib tagelang in Kisten eingesperrt bei jedem Wetter unterwegs sind. Ich erinnerte mich an die ersoffenen Wasserschildkröten und beschloss erst mal einen Plan zu machen, ich wollte schließlich Tiere „pflegen“, nicht „haben“.
Ein Aquarium wollte ich schon seit meiner Kindheit besitzen, aber keinen großen Stress damit haben, weder für das Getier, noch für mich, ich war ja so schon gut ausgelastet. Das Nano-Becken (von altgriechisch nannos bzw. lateinisch nanus für „Zwerg“) schien der ideale Kompromiss. Klein, überschaubar, bezahlbar, leicht zu reinigen, ein Blickpunkt, da wo sonst keine Sonne hinkommt, keine Pflanze gedeiht.
Damit das nicht wieder eskaliert, wie in meiner Kindheit nach der Kirmes, nahm ich mir vor, mich schlau zu machen und das Biotop verantwortungsvoll an den Start zu bringen. Es gibt ja Internet. Meine Recherchen im Worldwideweb waren frustrierend. Es schien mehr Experten als Wassertiere zu geben und je länger ich las, umso mehr hatte ich den Eindruck, viele von den Neunmalklugen hatten selbst keinen Plan. Vieles war widersprüchlich und die vielen Begrifflichkeiten und chemischen Formeln machten mich ganz kirre. Nur so viel hatte ich verstanden, ein Aquarium musste „eingefahren“ werden. Mindestens, tja, auch da gab es die unterschiedlichsten Aussagen, ich entschied mich für den Durchschnitt der gefundenen Angaben und das waren zwei Wochen.
Nur wenige Tage später kamen die Tierchen, alle schön in Beuteln, dreiviertel voll mit Wasser, gut gepolstert und gegen Kälte isoliert. Der Online-Versender hatte uns vor Lieferung Infos per Email zukommen lassen, unter anderem, die Tiere hätten anfangs noch Schockfärbung und wären deshalb transparent. Und ob ein Tier verstorben ist, würde man erst nach dem Umsetzen feststellen. Gruslig, gell?  
Ich befolgte zwei Stunden lang mehr oder weniger brav die Tipps in der Anleitung, wie Beutel öffnen, langsam auf Zimmertemperatur erwärmen (indem man den Beutel offen ins Becken hängt), zwei Stunden lang zunehmend mehr Wasser aus dem Cube in den Beutel geben und zuletzt die Tiere ins Aquarium umsetzen.
Ich habe nach zwei Stunden den Inhalt des Beutels komplett ins Becken geschüttet. Das war nicht günstig, wer weiß, was da an Mietnomaden miteingezogen ist! Die Hälfte der Schnecken sah tot aus, der Rest war bleich. Die Muscheln hatten sicher was zu verbergen, sie gingen in den Untergrund, haben sich sofort vergraben und waren nicht mehr gesehen. Ich konnte nicht mal mehr ein Foto von ihnen machen. Mist.
Ein Schneckengehäuse war leer, bis auf einen ekligen Wurm. Panik! Was war das denn? Gott sei Dank war mir der blinde Passagier rein zufällig sofort aufgefallen, als ich das Schneckengehäuse aus reiner Neugierde gegen das Licht hielt. Diese Haus mit Wurm hab ich erst einmal in ein Extra-Glas Wasser getan zum gelegentlich Studieren! Ich habe mich im Internet schlau gemacht, dieses weißbräunliche Geziefer, schneckenähnlich mit abgesetztem Kopf und kleinen schwarzen „Augen“, war eine „Planarie“. So einen ekligen Wurm hatte ich nicht bestellt und mich deshalb auch nicht wirklich gefreut über die Zugabe. Immerhin war Lebendankunft garantiert und eingehalten worden, für was auch immer.
Was lernen wir daraus? Alle Tierchen und Pflanzen in Ruhe begutachten, denn hat man erst einmal Miet-Nomaden im Cube wird man die sicher nicht so leicht wieder los.
Nach ein paar Stunden wurden die Schneckchen munter, bekamen Farbe und krochen zielstrebig die Scheiben rauf und runter. Brav! 
Die Raubschnecke lief ziellos umher, versetzte uns in höchste Aufregung, wenn sie sich einer Posthornschnecke näherte. Das Massaker blieb aber aus, wenige Zentimeter vor dem Posthorn bog sie jedes Mal ab. Memme!
Aber sehenswert war sie, die schöne Helena. 
Am Abend konnten wir uns nicht auf den gewohnten Spielfilm konzentrieren. Die Blicke wanderten immer wieder zu dem Smaragd und zauberten ein Lächeln auf unsere Lippen. Man konnte richtig versinken in den Anblick. Das war mehr als Lifestyle, wir würden expandieren! 
Der Ethiker in mir hob den Zeigefinger, nur leider schaute ich nicht hin. Mein Blick klebte am Cube.
Lichtblick
Das Nano-Becken sah täglich besser aus. Das Wasser war klar und alle Schnecken wohlauf. Der Cube wirkte noch recht kahl, aber ich dachte mir, wer als Aquarianer groß raus kommen will, muss klein anfangen. 
Die Turmdeckel-Raubschnecke machte ihrem Namen immer noch keine Ehre. Einen wunderschönen spitz zulaufenden Turm mit Deckel hatte sie zwar, schwarzgelb gestreift, ähnlich einer Wespe und genauso bedrohlich, sah sie aus, aber die Femme Fatale zeigte keinerlei Bock auf Raub.
Attacke!
Wann immer ich die Schnecken beim Morgen-Appell durchzählte, alle waren vollzählig anwesend. Hatte ich etwa eine Vegetarier-Raubschnecke gekauft? Sie war schon recht groß, von was hatte sie sich ernährt? Jedes Mal, wenn wir die Luft anhielten, weil sie „Rüssel voraus“ eine Posthornschnecke anvisierte, machte sie direkt vor ihr wieder kehrt oder kroch einfach über sie hinweg. Mulle war erleichtert, ich empört. So ein Weichei!
Frau Seeräuber heißt korrekt Anentome helena, wird mehrere Jahre alt und wenn man ein Pärchen hat, hat man angeblich eine gute Chance, dass sie sich vermehren. Stand so in der Beschreibung. Anentome helena, so einen schönen Namen muss man einfach beim Namen nennen! Findet sie keine Blasen- oder Posthornschnecke, futtert sie auch Aas oder Futtertabletten. Wahrscheinlich auch noch was anderes, denn sie hat es faustdick hinter den Fühlern! Ihr werdet sehen. Hat jemand eine Schneckenplage, kann er es mit so einer versuchen. Aber nicht mit unserer, wie peinlich.
Das neue Becken und die Technik machten einen soliden Eindruck. Alles wirkte wertig und versah zuverlässig seinen Dienst. Abgesehen von dem Kescher nervte nur das Granulat. Das war so weich, dass es keine Pflanze am Boden hielt. Ständig trieb das Grünzeug wieder durchs Becken und ich musste sie schließlich mit Steinen beschweren, um sie zu ankern. Wir hätten ja eine Schicht Kies oder Sand darauf schütten können, aber das wussten wir da noch nicht.
Das Holz trieb auch immer noch oben, ich musste es mit einer großen Muschel beschweren, damit es endlich am Boden blieb. Murks, Murks - die Meerjungfrau grinste schadenfroh. Sie bekam deshalb Hausverbot, ich habe sie an Land verbannt.
Wir waren noch in der „Einfahr-Phase“. So ein Nano ist ja im besten Fall ein kleines Biotop in dem sich das Öko-System selbst einigermaßen am Leben und im Gleichgewicht hält. Allerdings nur, wenn man wenig füttert, liegengebliebenes Futter entfernt und einmal in der Woche einen Teilwasserwechsel durchführt. Das hatte Kerstin mir erklärt und sie sollte Recht behalten. Nur hatten wir unterschiedliche Interpretationen von „wenig Futter“. So wie die meisten Aquarianer.
Damit alles rund läuft im Nano-Ökosystem müssen sich im Aquarium bestimmte Bakterien bilden, die aus giftigen Stickstoffen harmlosere Komponenten produzieren. Mit Teststäbchen kann man prüfen, ob das Biotop hält, was sein Name verspricht oder ob man schon einen Giftcocktail fabriziert hat, der die Tiere aus der Unterwasser-Welt nach und nach in die Unterwelt befördert.
Diese sogenannten „Nitrifizierenden Bakterien“ brauchen recht lange, bis sie sich so vermehrt und etabliert haben, dass sie ungestört und zur Zufriedenheit aller ihren Job erledigen können. Das leuchtet sofort ein, wenn man sich vorstellt, wie winzig diese Mikroorganismen sind und wie groß das Becken dagegen ist und was da so alles an Bio-Müll anfällt. Wer auf der sicheren Seite bleiben möchte, braucht einfach etwas Geduld. Sagt Kerstin. Geduld ist das Gegenteil von mir.
Viele Bakterien hausen im Filter. Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn das Filtermaterial mit der Zeit einen braun-moosigen Belag bekommt und etwas streng riecht. Das ist völlig in Ordnung, ehrlich! Ich habe in einigen Zoogeschäften nachgeschaut und da hat das genau gleich gammlig ausgesehen. Auf so einen Anblick waren wir nicht vorbereitet und hatten Zweifel, ob der Misthaufen im Filter wirklich seine Daseinsberechtigung hat. Sauberkeits- und Ordnungsfanatiker sollten besser einen Garnelen-Cocktail genießen. Mit einem Aquarium werden sie keine Freude haben. Da muss man die Schmutzschwelle schon deutlich hochsetzen können. Hat man sich erst mal daran gewöhnt, tangiert einen das nur noch peripher. Sag ich mir immer wieder.

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